24 Nov 2016

Boulevard, Infantilisierung und Verwahrlosung

Submitted by Delloc

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat schon 2003 gemahnt, dass die Boulevardisierung der Medien die Demokratie gefährde. Die Berichterstattung über Politik verkomme mehr und mehr zu "Unterhaltung, die sich des Gegenstands der Politik bloß noch als Mittel bedient", sagte Thierse und nannte dafür „ökonomistische“ Gründe (Quote als Bemessungsgrundlage für Werbeverträge).

Bei dieser flachformatigen Art der Informationsverbreitung werden hauptsächlich drei Stilmittel eingesetzt: Vereinfachung, Emotionalisierung und Personalisierung.

Für die Emotionalisierung sorgen sog. „Soft News“ wie dramatische Schicksalsschläge von Prominenten, Sportevents und Lifestyle-Klatsch. Die Art und Weise, Interviews zu führen oder der kollegiale Umgangston im Moderatorenteam sorgen zudem für eine harmonische Grundstimmung, die unterhaltsam auf ein entspannendes Wohlgefühl abzielt. Mit Aggressionen die Quote zu maximieren, ist dagegen die Strategie mancher Privatsender durch sog. life-reality-shows,

Vereinfachung geschieht zumeist durch die Themenauswahl und den Verzicht auf prozessuale Betrachtungen, bzw. ursächliche Erklärungen. Stattdessen werden die Kommentare von „Zeitzeugen“ bevorzugt, die willkürlich ausgewählt die Meinung(en) des Mainstreams bestätigen. Seriös recherchierte oder wissenschaftlich gestützte Informationen sind selten und fehlen ganz, wenn sie außerhalb des Mainstreams und der Natopropaganda liegen.

Personalisierung geschieht hauptsächlich auf zweierlei Weise. Entweder man beschränkt sich darauf, zu melden, was irgendeine Pappnase aus dem Establishment getönt hat, oder man umgeht eine inhaltliche Thematisierung, indem Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Sprechblasen kontextsensueller Personen in den Vordergrund gestellt werden.

Insgesamt entspricht der mediale Umgang mit dem Zuschauer dem Verhalten gegenüber Kindern, die man mal sanft, mal streng anspricht, inhaltlich nicht überfordert und auf ihre Bezugspersonen fixiert.

Diese beobachtende Infantilisierung der medialen Stilmittel verhindert nicht nur fundierte politische Bewusstseinsinhalte, sondern fördert auch eine Autoritätsgläubigkeit gegenüber der politischen Klasse, deren Aktionen kaum noch hinterfragt werden.

„Alles ist gut, Mutti (Merkel) wird’s schon richten, auch wenn Pappi (Seehofer) manchmal grollt.“

 Nicht nur die Stilelemente der Mainstream-Kultur (Schlager, Karneval, Volksmusik, Mainzelmännchen, Schützenverein und Flohmarkt) dominieren inzwischen das intellektuelle Niveau der deutschen Volksseele, auch Medien und Politik sind inzwischen in diesem System der Verblödung und Verwahrlosung gelandet.

Die daraus resultierende Verkümmerung des menschlichen Selbstwertgefühls kann in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zunehmend als „Verwahrlosung“ beobachtet werden – „Verwahrlosung“ im Sinne des Verlustes jener Wahrheit, die auf das eigene Selbst als Gewissheit gerichtet ist. Wenn die Menschheit durch einen ökonomischen Totalitarismus zunehmend daran gehindert wird, sich ihrer selbst in Wahrheit gewahr zu werden, dann ist damit das Ende einer natürlichen identitätsbildenden Selbsterkenntnis beschlossen.

Zweifellos ist diese Verkümmerung auch eine Folge des stetigen Verlustes selbstbewusster Sinnlichkeit, die durch Reizüberflutungen einer verdinglichten Konsumpropaganda und medialer Dauerbeschallungen weder die Zeit, noch die Stille zu ihrer qualitativen Entfaltung erhält. Die Mehrzahl der Menschheit ist ein Leben lang mit Traumata und herrschaftskonformer Lügenpropaganda konfrontiert, ohne jemals daraus entfliehen zu können. Der psychomentale Mainstream ist mit einer Hypnose zu vergleichen, in der die in Trancen gefangenen Träumer wie Schlafwandler oder Betrunkene orientierungslos umherirren. Die zunehmende Neurotisierung durch die Mainstream-Medien fokussiert sie permanent auf den nächsten Schicksalsschlag oder das nächste worse-case-scenario, so dass sie keine Zeit finden, Atem zu holen und jene „Dimension“ zu entdecken, in der ihre Albträume inszeniert werden.

Die Saat dieser neurotisierten und verrohten Generation scheint inzwischen zu einem Flächenbrand zu werden. Gestern hörte ich in WDR 5, dass verschiedene Zooverwaltungen in mehr Sicherheit investieren müssen, weil die Tiere in den Gehegen zunehmend von Schülern traktiert werden (Steine und andere Wurfgeschosse). In einem andern Fall haben Schüler Schildkröten entwendet und mit diesen Rugby gespielt. Das völlige Fehlen jeglicher Empathie gegenüber Tieren sei kein Einzelfall, erzählten die Tierpfleger.

Bei solchen Erzählungen tauchen bei mir Bilder auf, die an die „Kristallnacht“ erinnern, als in Wahn geratene Schlägertrupps Juden verprügelten und ihre Geschäfte verwüsteten. Der Unterschied war allerdings, dass viele rassistisch gleichgeschaltet an die Schuld der Juden glaubten. Tierquälerei dagegen steht auf einem andern Blatt und praktiziert eine andere Art von Aggression.

Tierquälerei offenbart eine Entfremdung von der Natur, die Aggressionen erzeugt, die sich gegen das ganze natürliche Leben richten. Die Tiere im Zoo wurden zu Unterhaltungsobjekten reduziert. Man hat sie traktiert, damit sie sich bewegen. Schließlich hatte man Eintritt bezahlt…

Die zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche birgt dieselbe Gefahr wie die Gleichschaltung der Bevölkerung durch die Nazis. Jede Vereinheitlichung des gesamten gesellschaftlichen und politischen Lebens ist ein Attentat auf die Vielfalt des Lebens, aus der allein die Freiheit entspringt.  

Damals wurde der "totale Krieg" vom NS-Staat zum Volkswillen gekürt und von einem Großteil der Bevölkerung bestätigt.

Heute bedient die politische Klasse der Bürgerlichen Eliten den Bedarf des Finanzkapitals. Diese Ausrichtung auf ein Ziel ist der Gleichschaltung der Nazis durchaus vergleichbar. Berücksichtigt man zusätzlich die imperialistischen Zielsetzungen der NATO, so mag ein Schildkröten-Rugby schnell in Vergessenheit geraten…

Kommentare

Das Entziehen der persönlichen Identifikationsgrundlagen geht Hand in Hand durch die sinnentleerten "Pseudo-Duskussionen" zur Emanzipation, Genderismus, Individualismus/Ökonomisierung, Frühsexualisierung versus Familie/Tradition mit der Entmachtung traditioneller gesellschaftlichen Identifikationsgruppen wie der Arbeiterverbände, dem Austausch der gewohnten Inhalte von politischen Parteien. Gleichzeitig werden statt der sinnstiftenden Inhalten und Werten völlig inhaltlose, doch auf den ersten Blick anziehend glamouröse oder global wichtige "Ziele" angeboten, ob in Politik oder in der Popmusik.
Der logische Schluss ist eine Gesellschaft, die aus Psychopathen ohne empathische Regungen besteht.
Und jeder Wissenschaftler, der solche gefährliche Prozesse aufdeckt, wird grundsätzlich als "Verschwörungstheoretiker" gebranntmarkt, auf das die Massen aus ihrem hypnotischen Zustand nicht aufwachen.

Wenn ich politisch relevante Nachrichten gleichwertig neben der Lombardi-Trennung auf SPON präsentiert bekomme, muss ich kotzen, kotzen, kotzen.

Bild des Benutzers tralala

Das "Wording" gehört unbedingt auch zu dieser Inhaltsentziehung.

Russlandversteher, linksliberal, postfaktisch... Diese Begriffe sind immer absurd!

An sich wollte ich auch was zu Dellocs blitzgescheitem Beitrag schreiben. Und der hätte es allemal verdient, sich ihm inhaltlich zu nähern.
Mir aber geht ihr letzter Satz, der jetzt meine Überschrift wurde, nicht aus dem Kopf.

Vor Monaten sah ich ein Video im Netz. Ich finde es nicht mehr, zumal mir die Namen der Beteiligten unbekannt waren. Der Sänger einer Rockband, irgendein "Woina" oder so, hat schlimmes getan. Sexistisch, antisemitisch oder er hat auf den falschen Veranstaltungen gespielt, vor den falschen Leuten. Vermutlich alles zusammen und noch viel mehr. Die spielen, so glaube ich mich zu erinnern, auf einer Friedensdemo und so ein Mob, ich glaube dass sind die, die sich gerade als links begreifen, macht das was er für Protest hält. Er grölt rum und wird bedrohlich.
Der antisemitische Sexist ruft fast flehend: kommt rüber, lasst uns miteinander reden, diskutieren. Eine junge Frau später: Mit so was wie dir rede ich nicht.

1917, Oktoberevolution. Der Autor John Reederei ein Zeitzeugen beschreibt, wie ein Soldat irgend ein Gebäude bewachen und niemand da reinlassen soll. Als Menschen da rein wollen und mit ihm das diskutieren, erklärt er, ich weiß nur, dass es Bürgertum und das Proletariat gibt und wer nicht für die einen ist, der ist für die anderen. In der Einfuhrungsvorlesung in den wissenschaftlichen Kommunismus trug man und das vor. Und nicht als zu kritisierende Position.

Wie man DIE richtige Meinung beim Freitag vor davor schützt, unziemlich beschmutzt zu werden, haben wir in den letzten Tagen ausführlich diskutiert.

Was für en fragiler geellchaftlicher Zustand, der vor diesem Sänger, vor Ken Jebsen, vor uns geschützt werden muss. Sie stellen diesen virtuellen Soldaten auf: Es gibt zwei Klassen.......
Und wo vor der Tür noch mit dem Soldaten, dem Bauern in Uniform diskutiert wird, passieren die Dinge hinter der von ihm bewachten Tür.

Es reicht mit den schrägen Bildern. Eigentlich reicht ihr Schlusssatz.

Bild des Benutzers ebertus

wahrscheinlich der von "Die Bandbreite"

Mir geht es, auch in Sachen eines vermeintlichen, zugeschriebenen Sexismus, Antisemitismus etc. des Wojna ebenso wie mit Roger Waters, Richard Wagner und vielen, vielen anderen.

Die Musik von Waters (Pink Floyd) mag ich nach wie vor, die von Wagner mochte ich noch nie. Und wenn Waters jetzt -seit einiger Zeit- den israelischen Siedlungsbau kritisiert, dafür von interessierter Seite als Antisemit entlarvt wird, so ändert sich das an meiner Meinung zu seiner Kunst ebensowenig wie das Wissen um den Antisemitismus von Wagner. Ich bin da, und wie bei Moshe Zuckermann, dessen kulturhistorischen Einlassungen zu Adorno gelernt, für die strikte Trennung von Person und Werk. Andere sehen das anders ...

Der Bandbreite mit Wojna & Guests hatte ich hier schon mal einen Blogtext gewidmet, die beiden anderen aus dem Video im Juni in Ramstein erlebt; Morgaine bei der Auftaktveranstaltung, wo auch unser Krysztof sang und Kilez More dann bei der Abschlußkundgebung.

In der Erinnerung bleibende Momente ...!

Ja, Sie haben Recht. Der war es.
Und der Zusammenhang, in den ich es gesetzt habe, scheint auch zu stimmen.

Aber dazu später bestimmt noch mehr. Diese antideutsche JEUNESSE DORÉE bleibt uns wohl erhalten. Keine schöne Vorstellung. Ich finde es nur lustig, dass es jetzt sogar schon Justus Werthmüller trifft, der von irgendwelchen Gruppen angegriffen wird. die jetzt noch viel antideutscher sind. Oder was weiß ich. Früher haben wir mal Veranstaltungen mit ihm gemacht, bei denen es auch sehr kontrovers herging, was sich zum Schluss darin äußerte, dass wir alle an verschiedenen Tischen in der Kneipe saßen. Seelige Zeiten.
Heute - ich habe so ein bisschen gegoogelt und zitiere Wojna - "Du Nazi, du eins aufs Maul"
Und das Zeug zum Nazi hat nahezu jeder, vorausgesetzt, er ist in der jweiligen Gesprächssituation, wenn es denn eine solche überhaupt gibt, klar physisch unterlegen.

Nun, was soll's, Habe mir dann lieber noch mal das Who-Video, das Sie verlinkten, reingezogen.
Was schönes zum Sonntagabend.

Schade, die Musik ist auch nicht so meins

Ist missverständlich. Ich meine die der Bandbreite, nicht die der Who. Und ich meine auch wirklich nur die Musik