23 Feb 2016

Ursachenforschung

Submitted by Delloc

Noch heute gilt das Vernunftprinzip als das Non-Plus-Ultra der geistigen Orientierung des homo sapiens. Die Ideologie der „Aufklärung“ setzte an die Stelle der Wirklichkeit die Rationalität dissoziativer Beobachtungen und behauptete, diese seien der lebendigen Geistesgegenwart überlegen. Die „instrumentelle Vernunft“ der Bürgerlichen Eliten hat diese „Überlegenheit“ genutzt, um Staaten und Kulturen auszurotten, ihre Schätze zu plündern und ganze Regionen zu entvölkern oder zu versklaven.

Da aber jede Bewusstseinsform, wie rational vernünftig sie auch ausgeklügelt sein mag, den Zusammenhang des lebendigen Ganzen nicht erfasst, sind Abstraktionen als Grundlage einer gedeihlichen Lebenspraxis schlichtweg ungeeignet.

Hegel schrieb: "Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören." (Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III, Werke Bd. 20, S. 331)

Insofern ist die gegenwärtige Zerstörung des Lebens auf diesem Planeten durch die Diktatur ökonomischer Prinzipien kein Schönheitsfehler, sondern die konsequente Wirkung ihrer systematischen Anwendung.

„Die Abstraktion, das Werkzeug der Aufklärung, verhält sich zu ihren Objekten wie das Schicksal, dessen Begriff sie ausmerzt: als Liquidation. Unter der nivellierenden Herrschaft des Abstrakten, das alles in der Natur zum Wiederholbaren macht, und der Industrie, für die sie es zurichtet... Die Distanz des Subjekts zum Objekt, Voraussetzung der Abstraktion, gründet in der Distanz zur Sache, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt.“ (Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 2002, S. 19)

„Liquidation“ ist das finale Prinzip des Bürgertums und des kapitalistischen Systems überhaupt.“ „Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein.“ (Ebd.)  Das Ziel, die Vitalität und Vielfalt alles Lebendigen zu liquidieren, verspricht nicht nur den maximalen Profit, sondern erfüllt auch idealerweise die Bedingungen des „sich selbst verwertenden Wertes“ (Marx) – das akkumulative Wachstumsgesetz des Kapitals.

In diesem Zusammenhang wird auch verständlich, warum in den heutigen Metropolen nicht die subjektiv empfundene Lebensqualität als Maßstab gesellschaftlicher Werte und Zielsetzungen Verwendung findet, sondern abstrakte Hirngespinste wie Freiheit und Menschenwürde oder materiell definierte Lebensstandards. Diese eignen sich entschieden besser für diktatorische Meinungsmonopole und deren Propaganda, während die individuellen Befindlichkeiten des Lebendigen in ihrer  gesellschaftspolitischen Bedeutung ja gerade liquidiert bzw. unterdrückt werden sollen, da sie politökonomisch nicht systemkonform sind.

Die Interessen der Bürgerlichen Besitzklasse sind auf eine Gesellschaft angewiesen, die genügend Menschenmassen produziert, die von einer armseligen Vergangenheit so erledigt sind, dass sie jedes Hirngespinst begrüßen, das ihnen eine bessere Zukunft verspricht.

Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben und als Flüchtlinge und Sklaven zu „exportieren“, war immer schon die bevorzugte Methode der Bürgerlichen Gesellschaft, um die Masse des „Lumpenproletariats“ mit frischem „Material“ aufzufüllen.

Profitmaximierung bedeutet immer Senkung der Sozialstandards, und da sind die Migrantenströme äußerst „nützlich“. Die deutsche Kanzlerin hat das voll und ganz begriffen. Was für eine Show! Im Namen der Menschlichkeit Verhältnisse zu produzieren, die das Elend langfristig vergrößern...

Das Elend des Populismus verfolgt dagegen ein anderes Ziel: Widerstand gegen die Migrantenströme als Fremdenhass zu etikettieren und als sozial minderwertig zu verleumden, soll letztlich über die wahren Ursachen hinwegtäuschen.

Die Bürgerliche Kultur verherrlicht das Konkurrenzprinzip in allen wesentlichen Bereichen des Zusammenlebens: bei Arbeit, Bildung, Sport und Statussymbolen, militärischen Waffensystemen und imperialen Machtansprüchen. Für Menschen, die dabei den Kürzeren gezogen haben, die sich auf der Verliererstraße sehen, die sich heruntergewirtschaftet, ausgebeutet, ignoriert und ohnmächtig fühlen, sind Aggression und Hass die äußersten Formen des Protestes, verzweifelte Selbstbehauptungen, sich von jeglicher positiven Erwartung unabhängig zu machen. Alternativen wie Resignation, Depression, Drogenkonsum oder das Abwandern in virtuelle Scheinwelten sind zwar weniger auffällig, verlieren aber noch mehr den Bezug zur Realität.

Die zunehmende Dekadenz der menschlichen Kultur ist offensichtlich. Zwar weigern sich die Bürgerlichen Eliten noch, sich selbst als Teil des Problems zu begreifen. Aber schon bald wird das Wort die Runde machen: You cannot hide the sun with two fingers. Und wer dann noch glaubt, weiterhin auf Selbsterkenntnis verzichten zu können, wird vom Lauf der Geschichte einfach überrollt werden. Gut so...

Kommentare

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Da beginne ich heute damit ein gestern begonnenes Buch weiter zu lesen und erlese kritisches zum Kernthema "Bürokratie", speziell ihrer wiederkehrenden, schwachmatischen Argumentation von "Rationalität" - dann finde ich den Artikel vom Tiger.....

Zufall???

"Das wichtigste Erbe der Dominanz bürokratischer Organisationsformen in den vergangenen zwei Jahrhunderten besteht darin, eine intuitive Trennung eingeführt zu haben zwischen rationalen, technischen Mitteln und den letztlich irrationalen Zielen, für die diese eingesetzt werden und die als Verkörperung des gesunden Menschenverstands erscheinen.

Auf nationaler Ebene rühmen sich Beamte, sie seien imstande, die effizientesten Mittel und Wege zu finden, um die von den Herrschern des Landes ausgegebenen oder erträumten nationalen Ziele zu verfolgen, ob diese nach kultureller Vortrefflichkeit drängen, imperiale Eroberungen anstreben, eine wirklich gerechte soziale Ordnung herstellen oder die Unterweisungen der Bibel wortgetreu umsetzen wollen. Für Individuen gilt dasselbe, weil wir alle es als selbstverständlich erachten, dass sich Menschen nur deshalb auf den Markt begeben, um sich möglichst effizient selbst bereichern zu können. Haben sie schließlich das begehrte Geld, ist völlig offen, was sie damit anstellen werden: Ob sie sich ein Haus oder einen Rennwagen kaufen, sich der privaten Erforschung von UFO-Phänomenen widmen oder die Wünsche ihrer Kinder erfüllen.

Weil alles so selbstverständlich erscheint, können wir uns kaum vorstellen, dass in den meisten bisherigen Gesellschaften eine solche Unterscheidung völlig sinnlos gewesen wäre. Zu fast allen Zeiten und an beinahe jedem Ort der Welt ging man davon aus: Die Art und Weise, wie ein Mensch etwas macht, wird davon bestimmt, was er ist."

(David Graeber in "Bürokratie")

Wo Mensch bereits Teil dieser Maschinerie ist, hat er ein gewaltiges Problem.

Das glaube ich eher nicht, da der Blick auf die Dinge fällt, die vorher angeregt wurden.

Aus dem Philosophie-Kalender: Haben wir die Kontrolle über die Technik verloren? (Der Philosoph Günther Anders (1902-1992) beschäftigte sich mit dem Wandel des Menschenbildes im Laufe der Geschichte der Philosophie. Dabei fiel ihm auf, dass ein einziges Phänomen das Bild des Menschen grundlegend veränderte: die Technik)
"Die technische Revolution des 20. Jahrhunderts, so der Philosoph Günther Anders, erlaubte es dem Menschen, Dinge herzustellen, die er sich in seiner bisherigen Geschichte nicht vorstellen konnte: Dinge wie die riesige industrielle Maschinerie, die dafür sorgten, dass die Welt sukzessive nach technologischen Aspekten geordnet wurde. Heute zählen Belastbarkeit, Perfektion, Leistungsfähigkeit und Effektivität zu den menschlichen Tugenden.

Blickt man jedoch genauer hin, stellt man fest, dass alle diese Eigenschaften technologische Begriffe sind, mit denen man eigentlich die Leistungsfähigkeit (technischen Daten) von Maschinen beschreibt. Diese Imperative legen wir heute an uns selbst an. Die Konsequenz ist, dass es die Prägeform der Technik ist, nach der wir uns und unser leben ausrichten. Die Technik bestimmt zunehmend, was oder wer wir sind. Deshalb haben wir nach Anders die Kontrolle über die Technik verloren."

@Delloc
"In diesem Zusammenhang wird auch verständlich, warum in den heutigen Metropolen nicht die subjektiv empfundene Lebensqualität als Maßstab gesellschaftlicher Werte und Zielsetzungen Verwendung findet, sondern abstrakte Hirngespinste wie Freiheit und Menschenwürde oder materiell definierte Lebensstandards."
Die "subjektive Lebensqualität" wäre als objektive zu begreifen, um von da aus die Differenz zu den Idealen zu erkennen, die mit Freiheit und Menschenwürde einhergehen. Denn diese Freiheit und Menschenwürde erhält ihren materialen Inhalt durch die systemischen Erfordernisse, die mit der Demokratie als bürgerliche die Fiktion geschaffen hat, als ob der Bürger selbst die Gestaltung in die Hand genommen hätte: nichts ist ferner der Realität.

Allerdings ist der Merkel zu viel unterstellt, wenn sie die Flüchlingsströme als "nützlich", als Ressource der "Profitmaximierung" betrachtet und dementsprechend agiert. Der Zusammenhang (Verursachung) der Flucht ist viel zu komplex, als dass sie daraus eine Strategie vorbereitet hätte. Eher das Gegenteil ist der Fall. Es kann zur Selbstauflösung der EU führen und allemal zu ihrem Sturz. Und ob die Flüchtlinge zur Vergrößerung des Elends bei uns führen, liegt in der Hand der Politik und vor allem in unseren Händen, ob wir es zulassen, dass die benötigten Gelder nicht von denen genommen werden, die als die Oberschicht ausgemacht ist. Das wäre das naheliegende und zu erzwingende Ziel.

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Jede Form von Gewaltanwendung als Entartung natürlicher Prozesse zu bewerten, entspringt keineswegs ideologischer Beliebigkeit oder weltanschaulicher Selektivität. Dass nämlich im Kleinsten-Teilchen-Maßstab ein identisches „Bewegungsmuster“ alles Lebendigen existiert, hat der geniale Quantenphysiker und Nobelpreisträger Richard Phillips Feynman herausgefunden:

„Es ist nicht so, dass ein Teilchen dem Weg der kleinsten Wirkung folgt; es riecht vielmehr alle Wege in der Nachbarschaft und wählt dann denjenigen mit der kleinsten Wirkung aus; seine Methode entspricht dabei der, die das Licht verwendet, um die kürzeste Zeit zu wählen.“ (Richard P. Feynman, Robert B. Leighton, Matthew Sands, Vorlesungen über Physik 2: Elektromagnetismus und Struktur der Materie. Definitive Edition, Band 2, München 2007, S. 359)

Die Harmonie des Universums basiert demnach darauf, dass alles Lebendige dem Muster der Minimalisierung von Wirkungen folgt, und allein der Mensch kann sich zu seiner eigenen Lebenswirklichkeit in einen subversiven Gegensatz begeben.

Maximale Kraftentwicklung (Konkurrenz- und Leistungsideologien, Explosivtechniken, Atomspaltung, Profitmaximierung, Gewaltstrategien etc.) sind nichts als Produkte unnatürlicher Denk- und Handlungsweisen – Fehlgeburten abnormer Hirngespinste.

     die Analyse greift zu kurz. 

Eine Alternative zu den Flüchtlingszäunen & Barrikaden wäre nicht bloß deren Einriss, sondern die Aufhebung der Liquidation der Herkunftsländer.

Ich halte es – wie schon oft geschrieben - für verfehlt, sich auf die Logik von Pegida & Anti-Pegida einzulassen: Da fehlt zum ersten die Reflexion der Zumutung, die in in beiden steckt -- & von dort wäre ja auch auf den philosophischen Ursprung des Problems zu rekurrieren, aus dem sich mit der Marginalisierung & Prekarisierung auch die gewaltige Nomadisierung von Menschen herleitet.

Die Menschen fliehen zu uns, weil ihre Länder in dem gigantischen Verwertungsprozess des entfesselten postkeynsianischen Kapitalismus erst durch Verödung und dann durch die Dynamik nachfolgender Plünderungsökonomie & Krieg komplett absorbiert worden sind. Dort gibt es nichts mehr, wovon sie leben könnten. Sie treffen hier auf eine Bevölkerung, die durch denselben Prozess im Rahmen der Abwicklung sozialstaatlicher Strukturen eine immense Prekarisierung durchgemacht hat. Denn sie landen in den Stadtteilen, Schulen & Tätigkeitsfeldern der über zwei Jahrzehnte Marginalisierten, die nichts mehr haben als die Reste des Staatsbürgerprivilegs, mit welchem der "entschlankte Staat" noch aufwartet. Die "Regugee-Welcome"-Pose des personifizierten Vakuums=Merkel, das für sie die Unnachgiebigkeit der politischen Unterstützung dieses Protesses symbolisiert, heißt, dass selbst die persönlichen Garantien des Staatsbürgerstatus' aufgekündigt sind. Wenn Merkel in ihrer Neujahrsansprache von "egoistischen Deutschen" spricht, die ihr "Deutschsein" nicht mit anderen teilen wollen, wenn sie dies aber prinzipiell zu einem nach oben hin komplett offenen Prinzip erklärt, dann sagt sie den Leuten: Ihr habt kein Recht in diesem Staat, das nicht sieben Milliarden andere Menschen grundsätzlich auch haben. Und das heißt wieder: Ihr habt gar kein Staatsbürgerrecht, also irgendein einklagbare Garantie, bewahrt zu werden, mehr.

Damit wurde der Nationalstaat in einer Radikalität aufgekündigt, die noch nicht einmal mehr die hobbsche Staatsfunktion der Sicherung der physischen Existenz garantiert. Dennoch ist "Sicherheit" ein Dauerthema: Aber diese ist nur noch die Sicherheit der Handelswege, der Verwertungsoperationen, die die Akkumulation in Gang halten. Den Menschen ist noch nicht einmal garantiert, dass sie darin noch als Lohnsklaven eine Verwertungsfunktion einnehmen, die sie am Leben erhält. Die Preisgabe ist total. (Für die Flüchtlinge ist sie das eh schon.)

Das ist sie dann die "marktkonforme Demokratie": nämlich als Aufkündigung aller sozialpolitischen & aller existienziellen Ansprüche. Die Flüchtlingskrise macht sie in ihrer ganzen harten Konsequenz sichtbar.

Die Menschen aber kennen nur noch als Existenzweise die Subjektform der akkumulierenden Megamaschinerie. Anders werden sie in Zukunft auch nicht mehr ernährt werden. (Harz IV wird nicht der Endpunkt sein.) Aber selbst in dieser Form sind die meisten von ihnen obsolet geworden. Ihre Existenz interessiert nicht mehr. Ihre komplette Liquidation durch wirkliche Annihilation, die Entsorgung all dieser vielen Überflüssigen wäre der konsequente letzte Schritt.

Wer das nicht verstanden hat, hat nichts verstanden. Es hat aber niemand mehr eine moralische Autorität für die sich ausgeliefert fühlenden Protestmassen in ihrer aggressiven Wendung gegen die Flüchtlinge, welche durch deren Vertreibung abwehren wollen, auch in deren Status als komplett "Überflüssige" gestoßen zu werden, der nicht auch das Problem des Überflüssigmachens der Wütenden anpackt.

Wer also dem Problem des aktuellen Zerstörungsgrads des Kapitalismus nicht konsequent auf den Leib rückt, wird das Problem der Aggression gegen die einströmenden Migranten nicht lösen können. Denn die heutigen Protestmassen sind keine Proletarier mehr, die eine Funktion im Prozess der Akkumulationsprozess haben, durch deren Entzug sie politischen Druck ausüben könnten. (So wie einst in Rückerts stolzem Aufruf: "Mann der Arbeit aufgewacht!/ Und erkenne deine Macht!/ Alle Räder stehen still,/ Wenn dein starker Arm es will!") Die Marodierenden sind die, die meinen, nichts mehr zu verlieren zu haben, wenn mehr von ihnen da sind. Sie wollen sich dem verwehren, indem sie sich gegen den geballten Zustrom mehrheitlich Überflüssiger stemmen, durch die die letzten Brosamen unterhalb des Existenzminimums gedrückt werden.

Wenn ihnen eine bourgoise Mittelschicht, die noch glaubt durch dauerhafte "Selbstoptimierung", "lebenslanges Lernen" & eine bis zur Nullität gesteigerte "Flexibilität" ein privilegiertes Rädchen in der Verwertungsmaschine sein zu können, zuruft: "Jetzt liquidiert euch doch selbst in weltoffener Würde!", dann wird die Wut noch gesteigert.

Wir sind an dem Punkt, an dem wir entweder die gesamte Megamaschine zum Halt bringen, oder unwiderbringlich in einen Zustand geraten, in denen sich die ganze Humanitas in einer Gewaltexplosion selbst verschlingt.

 

Wie konnte es dazu kommen? Wenn du auf zweierlei Vernunft rekurrierst, von der nur eine, die instrumentelle, ihren Siegeszug angetreten hat, so zitierst du den alten Schellingschen Einwand auf die frühen Aufklärer, als er von der "wahren" und der "falschen" Aufklärung sprach. Goyas berühmte Zeichnung, die unter dem Eindruck des Schreckens erfolgte, den die 'aufgeklärten Franzosen' auslösten, als sie unter Napoleon Buonaparte beim Aufmischen der 'rückständigen Spanier' sich wie prä-zivilisierte Barbaren aufführten, wurde lange mit den Worten übersetzt "Der Schlaf der Vernunt [ergo ihre Abwesenheit] ergibt Ungeheuer". Erst die unter dem Eindruck des Zivilisationsbruch von Auschwitz mit der Dialektik der Aufklärung hadernden deutschen Nachkriegsphilosophen (oder genauer: Günter Grass) kamen auf die Idee Goyas spanische Worte "El sueno de la razon produce monstruos significado" mit "Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer" zu übersetzen. Was heißt das?

Bereits der Dualismus Descartes reduzierte die materiale Umgebung des Menschen auf das bloß Mechanische, inklusive des belebten Umfelds (für Descartes sind die Tiere Maschinen, für Voltaire die zu kolonialisierenden Völker Tiere). Aber das denkende Subjekt selbst wurde hier noch nicht zum Objekt, sondern es erfährt sich im Denken als objektiv existent & von daher in einer anderen Objektivität, die der Erfassung der Subjektivität fähig & damit selbst Subjekt ist, als existenziell=real verbürgt. Diese reale, Objektivität & Subjektivität umfassende Existenz ist für Descartes immer noch der metaphysische Ursprung, den die Philosophie mit der Theologie eint: nämlich ein ontologisches Subjekt, nämlich ein Theos. Wie Heinrich Heine zurecht spottete, ist das verkürzte Motto der cartesianischen Meditationen „cogito, ergo sum, (ergo theos est)“. Anders als der angelsächsische Empirismus eines David Hume, der jede Transzendenz kalt negierte („We can never reach beyond ourselves“ – ein Satz, den wir gar nicht aussprechen könnten, wenn er denn wahr wäre, wie Robert Spaemann feststellte), wurde im deutschen Idealismus die Lücke zwischen der impliziten Metaphysik des Rationalismus & dem säkularen Empirismus der Briten geschichtsphilosophische Transzendenz geschlossen. Jedoch galt die idealistische Geschichtsmetaphysik nach der Katastrophe des Nationalsozialismus diskreditiert. (In meinen Augen liegt dem eine falsche NS-Analyse zugrunde; ich sehe die NS-Ideologie viel näher an Hume als an Hegel: In ihr wird Transzendenz abgeschnitten & positivistisch ersetzt durch die Tat. Genau hierdurch wird die Welt dann zum blutigen Experimentierfeld von Desparados.) Auch Lenin ersetzte das transzendentale Moment des Marxismus durch die Tat der Partei. Und in ähnlicher Weise hielten es die US-Neocons 1990 für an der Zeit, Geschichte für „machbar“ zu halten, für ein fabrizierbares Konstrukt, indem ihre Subjekte komplett naturalisiert werden sollten (durch Neuro-Enhancement, Gentechnologie & Neuro-Programmierung.) Damit macht das sich selbst materialisierende Subjekt sich selbst zum Objekt, während die Perspektive für die, für die selbst als Ressource zur eigenen Selbstverwertung keine Verwendungsmöglichkeit mehr besteht, quasi „Abfall“ werden.

In Erscheinungen wie dem Islamismus erhöhen die sich marginalisiert Fühlenden diesen Moment der Selbsvernichtung zu einem sakralen Akt, der darauf zielt, so viele weitere Menschen wie möglich zu einer kollektiven Elimination zu zwingen.

Der um jede Transzendierunsmöglichkeit beraubte Mensch verliert auch die Fähigkeit sich als Selbststand zu sehen, seine Würde also als ontologisch vorausgesetzt zu betrachten, da er die Zumutung geschluckt hat, dass er sie sich erst verdienen müsse.

Eine neue Art menschlichen Zusammenlebens wird sich also nur entwickeln lassen, wenn wir wieder eine Vorstellung davon erlangen, wer wir eigentlich sind, die wir nicht als Produkt unseres Handelns erachten. Wir müssen durch Reflexion lernen, jenen Ballast abzuwerfen, der unser Mensch=Sein & Ich=Sein von falschen Voraussetzungen erlöst & dadurch erst wieder ein Wir=Sein ermöglicht.

Die politische Kultur der Gegenwart aber sieht anders aus: Der Diskurs wird brutaler, Dehumanisierung als „Pack“ oder „Müll“ sind Regelfall des alltäglichen Umgangstons geworden. (Und sie merken’s nicht: Es ist völlig in Ordnung jemanden als „Arschloch“ oder „Blödmann“ zu bezeichnen: Damit erkenne ich an, dass ich es mit einer Person zu tun habe, die in meinen Augen aus eigener freier Entscheidung handelt, nur dass ich diese Handlung als ziemlich bescheuert bewerte. Nenne ich aber jemand als „Pack“, „Unterschicht“, „Abschaum“, „Dreck“ dann wird er zu einem unerfreulichen & dysfunktionalen Ding, das man nur beseitigen kann. Und inzwischen kommt diese zweite, schlimmere Bezeichnung unseren Politikern schneller in den Sinn als das grobe „Arschloch!“, das doch keine Assoziationen an Müllbeseitigung hervorruft. Das ist doch ein Symptom!)

Mich hat beim Nachdenken übrigens das folgende Buch von Hauke Ritz sehr angeregt, das dieser Telepolisartikel bespricht:

http://www.heise.de/tp/artikel/42/42791/1.html

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Hallo alphabetta,

 

{die Analyse greift zu kurz.} schreibst du.

 

Das mag daran liegen, dass sich mein Verhältnis zu Analysen inzwischen grundlegend geändert hat... smiley

 

Ein erster Hinweis dazu ist in den Ausführungen zur „Abstraktion“ gegeben. Darüber hinaus  betrachte ich Analysen inzwischen nur noch unter dem Gesichtspunkt, inwiefern sie meine ganz subjektive Wahrnehmung erweitern und dadurch die Gewissheit wahrhaftiger Teilnahme fördern.

 

Vielleicht habe ich mich zu lange in akademischen mind-fucker-Kreisen herumgetrieben, um mich davon noch beeindrucken zu lassen... smiley  

 

{Ich halte es – wie schon oft geschrieben - für verfehlt, sich auf die

Logik von Pegida & Anti-Pegida einzulassen: ...}

 

Ja, die Logik finde ich auch nicht interessant, aber die unbewussten psychomentalen Motivationen und ihre Ursachen versuche ich schon zu begreifen.

 

{Die Menschen fliehen zu uns, weil ihre Länder in dem gigantischen

Verwertungsprozess ... Verödung ... Plünderungsökonomie & Krieg ... Prekarisierung}

 

Die Analyse der "marktkonformen Demokratie" als „Aufkündigung aller sozialpolitischen & aller existienziellen Ansprüche“ teile ich und auch die „Konsequenz“ der „kompletten Liquidation“ als systemkonforme Gesetzmäßigkeit.

 

{Wer also dem Problem des aktuellen Zerstörungsgrads des Kapitalismus nicht

konsequent auf den Leib rückt, wird das Problem der Aggression gegen die

einströmenden Migranten nicht lösen können. Denn die heutigen

Protestmassen sind keine Proletarier mehr, die eine Funktion im Prozess der

Akkumulationsprozess haben, durch deren Entzug sie politischen Druck ausüben

könnten. (So wie einst in Rückerts stolzem Aufruf: /"Mann der Arbeit

aufgewacht!/ Und erkenne deine Macht!/ Alle Räder stehen still,/ Wenn dein

starker Arm es will!"/) Die Marodierenden sind die, die meinen, nichts mehr

zu verlieren zu haben, wenn mehr von ihnen da sind. Sie wollen sich dem

verwehren, indem sie sich gegen den geballten Zustrom mehrheitlich

Überflüssiger stemmen, durch die die letzten Brosamen unterhalb des

Existenzminimums gedrückt werden.}

 

Hier teile ich nicht die Definition des „Proletariats“. Die von dir hervorgehobene Funktion des „Entzugs“ galt ja nur vorübergehend für qualifizierte Facharbeiter, ansonsten ändert sich durch historische Formbestimmtheiten der Subsumption der Arbeitsbedingungen unter die Verwertungszwänge des Kapitals ja nicht die Funktion der proletarischen Abhängigkeit und Unterdrückung insgesamt. Du beschreibst ja treffend die Auswirkungen der derzeitigen Akkumulationsstrategie durch Automaten und Roboter, die den Wert der menschlichen Arbeitskraft permanent senken bzw. immer mehr Menschen als überflüssig bewerten und Verhältnisse produziert werden, in denen sie tatsächlich liquidiert werden.

Insofern mag durch die Bürgerliche Propaganda der Begriff des Proletariats im Mainstream- Vokabular als historisch überwunden betrachtet werden, die tatsächliche Funktion als Besitzlose und Unterdrückte ist dagegen zunehmend eskaliert.

 

{Wie konnte es dazu kommen? Wenn du auf zweierlei Vernunft rekurrierst, von

der nur eine, die instrumentelle, ihren Siegeszug angetreten hat, so zitierst

du den alten Schellingschen Einwand auf die frühen Aufklärer, als er von

der "wahren" und der "falschen" Aufklärung sprach.}

 

Gut, dass ich mal erfahre, worauf „meine“ Gehirnströme so rekurrieren... smiley

 

{"Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer"} erinnert mich daran, dass in Träumen eine Welt phantasiert wird, die von den Wünschen der Träumenden genährt wird. Dies könnte bezweifelt werden, wenn Träume nicht glücklich verlaufen, sondern von Angst und Schrecken durchzogen sind. Aber dies ist letztlich kein Widerspruch, weil bereits der Versuch, eine Welt zu erschaffen, die die bestehende Wirklichkeit auslöscht, Ursache zahlreicher Ängste sein kann. Die Wirklichkeit nach egoistischen Bewertungen kontrollieren und verändern zu wollen, indem man sie durch phantasievolle Hirngespinste zu ersetzen sucht, ist durchaus erschreckend. Womit wir wieder bei der „Liquidation“ wären... und vielleicht sogar bei den „tieferen Analysen“ aller Liquidationen...

 

{Der um jede Transzendierunsmöglichkeit beraubte Mensch verliert auch die

Fähigkeit sich als Selbststand zu sehen, seine Würde also als ontologisch

vorausgesetzt zu betrachten, da er die Zumutung geschluckt hat, dass er sie

sich erst verdienen müsse.

 

Eine neue Art menschlichen Zusammenlebens wird sich also nur entwickeln

lassen, wenn wir wieder eine Vorstellung davon erlangen, wer wir eigentlich

sind, die wir nicht als Produkt unseres Handelns erachten. Wir müssen durch

Reflexion lernen, jenen Ballast abzuwerfen, der unser Mensch=Sein & Ich=Sein

von falschen Voraussetzungen erlöst & dadurch erst wieder ein Wir=Sein

ermöglicht.}

 

Zur "Transzendenz" kann man In der Einleitung zu meinem derzeitigen Buchprojekt „Die Entdeckung der Wirklichkeit“ lesen:

 

„Man kann einen Menschen nichts lehren; man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.“ verkündete einst Galileo Galilei (1564 – 1642).

 

Die innere Blickrichtung war zwar nicht die bevorzugte Perspektive Galileis, erforschte er doch überwiegend die äußere Natur und ihre Ordnung. Gemäß seiner religiösen Überzeugungen war diese Unterscheidung aber unwesentlich, weil er Naturgesetze und menschliche Sinnhaftigkeit als willentliche Schöpfungen ein- und derselben göttlichen Quelle zuordnete.

 

Seine Worte „Ich glaube nicht, dass derselbe Gott, der uns Sinne, Vernunft und Verstand gab, uns ihren Gebrauch verbieten wollte.“ oder „Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe Gott das Universum beschrieben hat.“ offenbaren die Vorstellung von einer ganzheitlichen Schöpfung, in der universaler Wille und gedankliche Reflektionen sich gegenseitig bedingen und zu erkennen geben.

 

Die Überzeugung, dass Gott sowohl „in allen Dingen“ (Immanenz) wie „außerhalb von ihnen“ (Transzendenz) existiert, hat Eckhart von Hochheim (Meister Eckhart, 1260 – 1328) bereits drei Jahrhunderte vor Galilei verkündet:

 

„Gott ist in allen Dingen. Je mehr ER in den Dingen ist, desto mehr ist ER außerhalb von ihnen; je mehr ER im Inneren ist, desto mehr ist ER draußen.“

 

Nach Eckhart wird die Immanenz durch „Einsicht“ in die Vielfalt, also durch Unterscheidung, gewonnen. Zur Transzendenz, über die Einsicht hinaus, gelange der Mensch jedoch, „wenn er Alles in allem erkennt“, sich selbst eingeschlossen.

Sich in Allem wiederzuerkennen (Identität) und gleichzeitig unterschiedlichen Wirkkräften ausgesetzt zu sein (Nicht-Identität), stellt eine gedankliche Herausforderung dar, mit der sich die Menschheit in vielfältiger Weise auseinandergesetzt hat. Dabei reicht die Skala geistiger Entwürfe von der Leugnung (Agnostizismus) bis zur Verabsolutierung (Dogmatismus) menschlicher Erkenntnisse, von der Dissoziation (Wissenschaft) bis zur Verschmelzung (Mystik) mit der Wirklichkeit, von materialistischen bis zu spirituellen Weltanschauungen, von streng rationalen bis subjektiv psychologischen Ansätzen.

 

Die Begrenztheit menschlichen Bewusstseins einerseits hat Blaise Pascal (1623-1662) „räumlich“ mit den extremen Polen von Nichts und Unendlichkeit begründet: „Unendlich entfernt von dem Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ende aller Dinge und ihre Gründe undurchdringlich verborgen, unlösbares Geheimnis; er ist gleich unfähig, das Nichts zu fassen, aus dem er gehoben, wie das Unendliche, das ihn verschlingt.“ (Pascal, Pensées)

 

Anders bei der Vorstufe des Denkens, der ursprünglichen Wahrnehmung, in der sich der Mensch als fühlendes Wesen erlebt, das direkt an der Wirklichkeit beteiligt ist. Die Wahrnehmung natürlicher Impulse beinhaltet ja ursprünglich keinerlei abstrakte Vorstellungen, sodass mögliche Fehlinterpretationen zunächst ausgeschlossen sind. Gesunde Sinneskanäle vorausgesetzt erfährt der Grad subjektiver Gewissheit und Wahrhaftigkeit somit ein Höchstmaß an identischer Übereinstimmung mit den Ereignissen der lebendigen Wirklichkeit: „Primitive Teilhabe, participation mystique: Selbst und Nicht-Selbst werden im Augenblick der Erfahrung miteinander identifiziert.“ (Norman O. Brown, Love’s Body, Berlin u.a. 1979, S. 111)

Die Aussage „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ in „Der Kleine Prinz“ (Antoine de Saint-Exupéry) hebt die Qualität dieser ursprünglichen Wahrnehmung hervor, die wesentlich auf Sympathie (Herzensqualität) beruht.

Zugleich besitzen die Impulse der ursprünglichen Wahrnehmung noch eine Vitalität, die sich bei ihrer bewussten Reflektion deutlich vermindert.

Der Augenblick wird als vitale Frische erlebt, weil er sich von der Wahrnehmung vergangener Augenblicke deutlich unterscheidet. Insofern ist Wandel durch Vergehen und Erneuerung das Wesen der Wahrnehmung des Lebendigen. In der Poesie Rilkes formuliert:

 

„jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.“ (Rainer Maria Rilke, Sonette an Orpheus, 2. Teil, XII)

 

„Einsicht“ (Meister Eckhart) durch die Wahrnehmung und Unterscheidung flüchtiger Eindrücke zu gewinnen, ist für das intakte Nervensystem der Spezies Mensch eine natürliche Routine. Im „Schwung der Figur“ die Liebe zum „wendenden Punkt“ zu entdecken, ist aber keineswegs selbstverständlich. Daher spricht Galilei auch davon, einem Menschen zu „helfen, es in sich selbst zu finden“.

 

Da Liebe stets nach Vereinigung strebt, fällt es Liebenden so leicht, das Unerwartete und  Fremde, das Neue und Frische, in das eigene Selbst zu integrieren und die Identität „Alles in allem“, Selbst im Nicht-Selbst und Nicht-Selbst im Selbst, zu erkennen.

Wer sich aber gegen die Teilnahme wehrt, wer sich abgrenzt, gegen das Vergehen kämpft oder sich an Vergangenes klammert, wer das Neue fürchtet und zu verhindern sucht, zerstört die natürliche Sympathie der Wirklichkeit und ihre ursprüngliche Herzensqualität.

 

Transzendenz ist also weder zeitlos noch unveränderlich fassbar, „Gott“ als Symbol des ewigen Wandels kein Gegenstand der Anschauung. Deshalb das Bilderverbot in manchen religiösen Traditionen. Dass es hingegen eine Kunst ist, über die Wahrnehmung des Vordergründigen hinaus zu gelangen, darauf haben u. a. Maler wie Paul Klee und Max Beckmann hingewiesen:

 

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“ (Paul Klee)

 

Ich suche aus der gegebenen Gegenwart die Brücke zum Unsichtbaren – ähnlich wie ein berühmter Kabbalist es einmal gesagt hat: ‚Willst du das Unsichtbare fassen, dringe so tief du kannst ein – in das Sichtbare’.” (Max Beckmann)

 

Liebe Grüße

 

Delloc

für mich sind Analysen im Wesentlichen Navigationsversuche zur Bewegung auf einem zugemüllten Meer, auf dem wir uns erst einmal wieder der befahrbaren Passagen unter all dem Ballast, mit dem wir & unsere Umwelt zugeworfen wurden, bewusst werden müssen.

In Deinen auf Meister Eckard & Pascal zurückgreifenden Überlegungen wird ja genau deutlich, worum es geht: Wir müssen uns überschreiten (transzendieren), um uns zu finden & wir müssen in uns gehen, um die um uns zu spüren. Die Pegida- genau wie die Anti-Pegida-Haltung aber kreieren beide Feindbilder, machen also aus einem Anderen etwas, was sie brachial von sich abspalten. So geraten die Menschen in einen Mechanismus, in dem sie aus Angst um Verlust der letzten Behauptungskapazitäten ihres Ichs diese durch Wendung gegen den Andern noch zerstören.

Die Frage ist halt: Wie bekommt man die Menschen dazu, inne zu halten? Dass die derzeitige globalisierte Logik eine ist, die nicht mehr funktioniert & uns alle zu zerstören droht, merken intuitiv immer mehr Menschen (vermutlich eine Mehrheit). Aber deshalb wissen sie noch lange nicht, wie sie Verdinglichung & Destruktion aufhalten, wie sie ihnen etwas entgegensetzen können.

Ich habe mir gestern nach Fabian Scheidlers "Das Ende der Mega-Maschine" (auf Kontext-TV, youtube) ein kurzes Interview mit Ulrike Hermann mit dem Titel angehört:"Der Kapitalismus wird chaotisch und brutal zusammenbrechen". Hermanns Befund ist, dass obgleich vielen das Ende der akuellen Form des Wirtschaftens bewusst ist & es zahlreiche, auch funktionierende Ansätze alternativer Versorgungsmodelle gibt, das Riesenproblem sei, dass noch niemand sich ernsthaft Gedanken um einen gangbaren Übergang gemacht habe. Deshalb würden die letzten Verfechter der alten Logik mit dem Versuch, deren Ende muskulär herauszuschieben, & eruptive Gegenwehr, die auch vor Selbstzerstörung nicht zurückschreckt, in der Summe die Gefahr eines Strudels von Verfall, Krieg, Bandenwesen & Bürgerkrieg ergeben, in den alles hineingezogen wird.

https://www.youtube.com/watch?v=rrR_VaVIdCo

https://www.youtube.com/watch?v=qc4NLszg3Xw

Wir sind, denke ich, an dem Punkt, an dem uns das allen klar ist (zumindest hier). Da ist die Frage, wie wir eben wieder Grund unter die Füße bekommen können. Denn Verzweiflung allein schafft noch keinen wirkmächtigen Widerstand.

In den von Dir angesprochenen Pensee von Blaise Pascal stellt dieser sehr scharf diesen Punkt der Umkehr heraus: Der Mensch, als "Nichts gegenüber dem All" & als "All gegenüber dem Nichts", droht in den Zustand der Verzweiflung in die letzte Ecke des Universums gedrückt zu werden. Genau in dem Moment aber, wo er diese verzweifelte Situation als Zustand des Unglücklichseins fühlt, ist er (dialektisch) eben nicht mehr nur Objekt der Verzweiflung, sondern gewinnt durch sein Unglücklichsein ein Bewusstseins seines Ichs zurück, das über die Verzweiflung hinausgeht. Augustinisch ausgedrückt: Das Ich merkt: Ich bin nicht meine Verzweiflung, sonder ich bin ein Ich, das über seine Verzweiflung unglücklich ist. Genau an dieser Stelle gewinnt es in einem dialektischen Umschlag seine Menschenwürde zurück & entwächst der Verzweiflung.

Wie aber kann man eine solche Erkenntnis aber sozial & damit politisch wirksam werden lassen? 

Den antagonistische Reflex von Pegida & Anti-Pegida (wie jeder wirksame Spaltungsmechnismus von Menschen, der sich bis zum Bürgerkrieg steigern kann) müssten man umwandeln können in Konstruktives, indem man bei einer solchen Veranstaltung eine riesige Leinwand aufstellt & alle Anwesenden nötigt darauf auf die Frage zu antworten: "Wovor habe ich eigentlich Angst?"

Das wäre ein erster Schritt. Die vielen negativen Dialektiken, von Adorno bis Robert Kurz, die zeigen, dass wir auf dem Zerstörungspfad voranschreiten, bieten uns nur Wege der Negation des falschen Handelns. Der Mensch kann aber nicht aus Negation leben, weil er etwas - oder eher: jemand -  ist & etwas braucht: Nähe, Liebe, Nahrung, Wasser & Schutz seiner nackten Zerbrechlichkeit.

Er muss wieder an den Punkt gebracht werden,an dem er sich seiner Bedürftigkeit & seiner Zerbrechlichkeit bewusst wird, um von dort auf die anderer Menschen zugehen zu können, in denen er ihm=Gleiche entdeckt.

Aber wie treiben wir das voran?

Herzliche Grüße,

Anja

XXX

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{Er muss wieder an den Punkt gebracht werden,an dem er sich seiner Bedürftigkeit & seiner Zerbrechlichkeit bewusst wird, um von dort auf die anderer Menschen zugehen zu können, in denen er ihm=Gleiche entdeckt.

Aber wie treiben wir das voran?}

 

Liebe Anja,

an diesem Punkt bin ich inzwischen radikal pazifistisch geworden. smiley

Die selbstauferlegte Beschränkung auf Selbsterkenntnis ist für mich nicht nur der einzige Schlüssel für eine Zukunft, in der die Menschheit ihre selbstgemachten Katastrophen überleben kann, sondern auch der Königsweg zu einem Gemeinschaftsverständnis, das von Kooperation, Teilen und Zuwendung getragen wird.

Nicht, was wir brauchen, steht da für mich im Mittelpunkt, sondern viel mehr das, was wir nicht brauchen und wovon wir in Zukunft einfach ablassen oder was wir nötigenfalls abschaffen.

Das können wir aber nur erkennen, wenn wir unseren unbewussten Leidenschaften Herr werden, die „uncooked seeds“ in uns gewahren, bewusst machen und „abkochen“.

Alles, was nicht auf Selbsterkenntnis gerichtet  ist, beschleunigt zudem die Spirale der Gewalt. Nur die bewusste Erkenntnis eigener Aggressionspotenziale liegt in einem Verfügungs- und Verantwortungsbereich, der ohne äußerliche Gewalt bearbeitet und harmonisiert werden könnte.

Die Propagierung von Werten ist dagegen der hinfälligste Ansatz. Dadurch werden zwar abstrakte Identifizierungen möglich, diese sind aber keiner sinnlichen Wahrnehmung zugänglich und bleiben deshalb im konkreten Entscheidungs- und Handlungszusammenhang unwirksam. Für die Mächtigen sind abstrakte Werte kein Hindernis, Gewaltmaßnahmen propagandistisch so zu etikettieren, dass sie keinen Anstoß erregen.

Es ist die Klarheit und Gewissheit sinnlicher Erfahrungen, die Pazifisten so geradlinig und resistent machen gegen Fremdidentitäten imperialistischer Propaganda und Korruption.

LG von Delloc

das, was Du als Synonym für radikal-pazifistisch erachtest, die "selbstauferklegte Beschränkung auf Selbsterkenntnis", erschiene mir als eine nahezu buddhistische Haltung in einer anderen Welt als der, in der wir tatsächlich leben, äußerst sympathisch. Da aber unsere Welt gerade mit einer unheimlichen Geschwindigkeit auf den Punkt zurast, an dem fünf Promill der Menschen dabei sind, die Spezies Homo sapiens insgesamt im Orkus der terrestrischen Geschichte zu versenken, fühle ich mich - als Mutter und Lehrkraft - mitverantwortlich für die, die noch nicht in der Lebensphase angekommen sind, sich effektiv zur Wehr zu setzen.

Nicht nur destruktiv zu handeln, sondern auch Handeln, das ich leisten könnte, zu unterlassen erscheint mir als Schuld. Dass die Tat die Selbstläuterung nicht ersetzt, heißt in meinen Augen nicht, dass wir untätig sein dürfen.

Wir mögen scheitern, aber es nicht zu versuchen, heißt - in meiner Sicht - den Usurpatoren in die Hände spielen.

Die Selbstorientierung, die ich oben darlegte, erachte ich als unerlässlich, um zu einer Richtungsbestimmung des Handelns möglichst vieler in sich ruhender Menschen zu gelangen, aber das Nirwana suche ich nicht. Dazu bin ich vielleicht doch zu sehr christlich geprägt... 

 

Liebe Grüße,

Anja 

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{Nicht nur destruktiv zu handeln, sondern auch Handeln, das ich leisten könnte, zu unterlassen erscheint mir als Schuld. Dass die Tat die Selbstläuterung nicht ersetzt, heißt in meinen Augen nicht, dass wir untätig sein dürfen.

Wir mögen scheitern, aber es nicht zu versuchen, heißt - in meiner Sicht - den Usurpatoren in die Hände spielen.}

 

Liebe Anja,

das taoistische wuwei „Handeln ohne zu tun“, das in vielen spirituellen Traditionen mutatis mutandis enthalten und gepflegt wird, heißt ja nicht „Handeln zu unterlassen“. Weil Nicht- Handeln eben auch eine Art des Agierens ist.

Nicht das Verhalten oder Unterlassen entscheidet über seine werthafte Angemessenheit, sondern aus welcher Quelle die Motivation schöpft.

Die „Nirvana-Quelle“, aus meiner Sicht, ist dabei eine notwendige Erfahrung, um die automatischen Reiz-Reaktions-Muster der Ego-Persönlichkeit zu transzendieren. „Nirwana ist die endgültige Dimension des Lebens, ein Zustand von Gelassenheit, von Frieden und Freude. Es ist kein Zustand, den du nach deinem Tod erlangst. Du kannst Nirwana jetzt gleich beim bewussten Atmen, Gehen und Teetrinken berühren.“ (Thich Nhat Hanh)

Doch wenn du es lieber christlich lesen möchtest:

Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern nur die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun.“ (Matthäus 7, 21)

Den Willen des Vaters im Himmel zu tun, ist das Wesentliche. Handeln oder Nicht-Handeln ist nur eine Konsequenz des jeweiligen Zusammenhangs, in dem dieser Wille mit deinem Willen identisch ist. Doch diese Identität wahrzunehmen, hängt von der Qualität der Wahrnehmung ab.

LG Delloc

es ist aber doch eine mönchische Konzeption, die Du da entwirfst.

Die soll ja ihr Terrain haben, wo sie anderen auch dienlich sein mag. Aber lässt sie sich generalisieren? Und wäre das gut?

Ich habe, wie ja nun gesagt, mit der Generation drunter zu tun, aus Mütterperspektive. Es hat sich - mit Verlaub - weder im Tierreich noch unter den Menschen je eine verantwortungsvolle Mutter darauf verlassen, für ihren Nachwuchs nicht-handelnd die Ernährung zu erhoffen & die aktive Nahrungssuche zu lassen.

Was einem ohne Anhang, für den man über Jahrzehnte Verantwortung zu tragen gewohnt ist, als eben nicht-gangbarer, sondern im Schneidersitz durch Meditation erfangbarer Licht=Pfad=Weg möglich scheint, das erscheint dem, der täglich mit hungernden Mündern (übertragen gesprochen) umgeht als Unterlassung.

Auch christlich gesprochen besteht darin die Unterscheidung zwischen den Schafen & den Böcken:

- Hungernde zu nähren

- Kranke zu pflegen

- Gefangene zu besuchen.

Alles drei impliziert Handeln.

 

Ich kann das nicht sein=lassen.

Mir erschiene das als ein Im=Stich=Lassen anderer, durch das ich schuldig wäre.

 

Liebe Grüße,

Anja

 

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{ich kann das nicht sein=lassen.

 

Mir erschiene das als ein Im=Stich=Lassen anderer, durch das ich schuldig wäre.}

 

Liebe Anja,

das verstehe ich gut.

Hier ein kleiner Auschnitt aus der Symptombeschreibung:

Das Gefühl individueller Schuld wird die Aufmerksamkeit entweder auf Rechtfertigungen bzw. Schuldzuweisungen oder auf gesteigerte aktivistische Kompensationen lenken.

Angst ist zwar nur ein Gedanke, aber wenn die selektive Wahrnehmung von Schuld geweckt wird, erkennt sich jener Teil des Egos als Beobachter darin wieder, der sich in tausenden Beobachtungen ähnlicher Art zuvor gebildet und damit identifiziert hat. Der Wiedererkennungseffekt beflügelt dann jedes Mal den Glauben, dass die Angst real existent und damit folgerichtig sei. 

Schuld-Erinnerungen reanimieren Erfahrungen, in denen man etwas kaputt gemacht hat, in denen man geschlagen oder ignoriert, bestraft oder laut angeschrien wurde, Situationen, in denen man sich geschämt hat, in denen man ausgelacht wurde, in denen man Missgeschicke oder Streitigkeiten herbeigeführt hat, usw. usf..

Zwar spielen alle diese Ereignisse aus der Vergangenheit in der Gegenwart keine Rolle, doch die Beobachteridentität der Schuld hat sie konserviert und kann sich an jeden Vorfall dieser Art bei Bedarf genau erinnern.

Je stärker ein Ego mit dem Motiv des Selbsterhalts beschäftigt war bzw. seine Überlebenstrance praktizieren musste, desto ausgeprägter ist sein Gespür für Schuldgefühle. Diese zu kompensieren bzw. zu verarbeiten, braucht es umso mehr psychische „Eigenleistungen“. (Vgl. ADHS Symptome)

Liebe Grüße

Delloc

dann ist für Dich eine Mutter, die ihren Säugling säugt, der Inbegriff der Egozentrik?

 

Also wär Verhungernlassen die gebotene Haltung?

 

Du lehnst dann also Ver=Antwortung als Fürsorge=Haltung für andere ab?

 

Das meinst Du doch nicht wirklich, oder?

 

Liebe Grüße,

Anja

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Liebe Anja,

natürlich sind deine Beispiele auch für mich kein "Inbegriff der Egozentrik".

Deine Schlussfolgerungen aus meinen Texten schon eher... wink

Nein, es gibt natürliche Motivationen und es gibt egomane.

Beide können äußerlich dieselben Verhaltensweisen hervorrufen.

Schuldgefühle sind allerdings immer egoman.

Liebe Grüße

Delloc

 

genau wie Karl Jaspers und Sören Kirkegaard erachte ich die Erfarhung von Schuld schlichtweg als Existenzial, ohne das ein Mensch schlichtweg auch nicht die Fähigkeit zur Vergebung erlangen kann.

Eine Verkapselung dagegen, die Menschen gegen die Einsicht in Schuld immunisiert, ist die Initialzündung jener das Subjekt vor sich hertreibenden Destruktivität, die sich verselbständigt & es unfähig dazu macht, das eigene Ich als Quelle des eigenen Handelns zu verstehen & seine Befangenheit im Automatismus zu überwinden. Genauso wie es falsch ist, eigene Schuld für unüberwindbar zu halten & Vergebung aus der Lust an Selbstverzweiflung von sich zu weisen. (Sören Kierkegaard: "Der Begrif Angst"/ "Die Krankheit zum Tode".

Der Mensch ist - meinem Verständnis nach - nicht als ein in sich selbst verschlossenes Universum zu sehen. Er lebt aus dem Verwiesensein auf Andere. Er stammt nicht aus sich selbst und verliert sich, wenn er sich nicht anderen gibt.

Und wo Gefahr ist, ist er aufgerufen zu warnen. Im Moment aber leben wir in eklatanter Gefahr, dass uns diese Welt um die Ohren fliegt.

Aber natürlich kann man vertreten, dass die Geschwister Scholl auch besser hätten schweigen sollen, wie Dietrich Bonhöffer auch ... 

(Hätten sie nur meditiert, hätten sie den NS sicher überlebt.)

Ich halte Schweigen momentan aber nicht für verantwortlich.

 

Liebe Grüße,

Anja

 

 

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{Eine Verkapselung dagegen, die Menschen gegen die Einsicht in Schuld

immunisiert, ist die Initialzündung jener das Subjekt vor sich hertreibenden

Destruktivität, die sich verselbständigt & es unfähig dazu macht, das

eigene Ich als Quelle des eigenen Handelns zu verstehen...} & seine Befangenheit

im Automatismus zu überwinden.}

 

Liebe Anja,

solange man glaubt „Ich bin der Handelnde“, wird die Wahrnehmung nur jenen Teil der Lebenswirklichkeit erfassen, womit sich dieses „Ich“ identifiziert.

Identifikation führt aber nicht nur automatisch zu verarmten Wahrnehmungsmustern, sondern vermindert auch die Potenzialität der zugrundeliegenden psychomentalen Prozesse. Ihrer ursprünglichen Vitalität auf diese Weise beraubt leiden inzwischen Millionen Menschen an Depressionen und der Trend von Arbeitsausfällen aufgrund psychischer Symptome geht steil nach oben.

„Man kann Gott nicht sehen, solange man denkt: "Ich bin der Handelnde." (Ramakrishna, The Gospel of Sri Ramakrishna, Madras 1978, S. 174)

Man sieht nicht nur nicht die ungefilterte Wirklichkeit, solange man denkt “Ich bin der Handelnde.“, sondern die Vorstellung, der Handelnde zu sein, erzeugt auch eine Abhängigkeit von Vorlieben und Wünschen, die bei Nicht-Erfüllung Verunsicherung, Selbstzweifel und Ängste hervorrufen.

In der Vergangenheit hat man diesen Zusammenhang individualpsychologisch oft als narzisstische Kränkung definiert. Der fatale Einfluss gesellschaftlicher Anreizsysteme sowie ihre Beeinflussung familiärer Erziehungspraktiken (Zuckerbrot und Peitsche) wurden dabei überwiegend vernachlässigt.

Der Spieß wurde einfach umgedreht und Narzissten als dominante, unempathische, verantwortungslose und selbstverliebte Charaktere diffamiert, sodass die Flut von Fremdidentitäten, die durch gesellschaftliche und familiäre Schikanen von frühester Kindheit an unnatürliche Gefühls- und Verhaltensmuster erzwingen, als notwendige pädagogische Maßnahmen erschienen. Dabei sind sie die wesentliche Ursache aller Störungen der Selbstwahrnehmung und des Selbstwertgefühls.

Die Dominanz depressive Symptome wie innere Leere, Niedergeschlagenheit, nebulöse Ängste, Gefühlspanzer, Größen-/Kleinheitsphantasien und besondere Verletzlichkeit sind die Folgen einer gesellschaftlichen Gewalt- und Entfremdungspraxis, das die eigenen  posttraumatischen Syndrome von Generation zu Generation weitergibt.

Das politökonomische System des Kapitalismus schafft in jeder Hinsicht Ungleichgewichte, die psychisch sowohl ein Zuviel an Enttäuschung, an Frustration und Kränkung bewirken als auch in privilegierten Kreisen ein Zuviel an Verzärtelung und Verwöhnung, ein Fernhalten von allen schwierigen Situationen.

Beide Extreme wirken sich durch den Glauben, der Handelnde zu sein, jeweils in potenzierter Form aus. Das Gefühl individueller Schuld wird die Aufmerksamkeit entweder auf Rechtfertigungen bzw. Schuldzuweisungen oder auf gesteigerte aktivistische Kompensationen lenken. Da der falsche Glaube an die Fremdidentität Konkurrenz (Anerkennung durch Leistung und Liebesentzug bei Versagen) jedoch im Kern erhalten bleibt und gesellschaftlich verstärkt wird, bleiben die Gefühle von Schwäche, Kränkung und Angst ein Leben lang wirksam.

Das auf Fremdidentitäten basierende kapitalistische System der Bürgerlichen Gesellschaft kann im Grunde nur überleben, wenn es von frühester Kindheit an Gewaltverhältnisse fördert, die junge Menschen verunsichern, neurotisieren, isolieren und  in ihrer Selbstwahrnehmung schädigen.

Darin sehe ich die zentrale „Gefahr, dass uns diese Welt um die Ohren fliegt.“

 

{Der Mensch ist - meinem Verständnis nach - nicht als ein in sich selbst
verschlossenes Universum zu sehen. Er lebt aus dem Verwiesensein auf Andere.
Er stammt nicht aus sich selbst und verliert sich, wenn er sich nicht anderen
gibt.}

Nicht nur der Mensch, es gibt tatsächlich nichts, das für sich und aus sich allein existiert.

Da an jedem singulären Ereignis stets das gesamte Universum beteiligt ist („Bells Theorem“ !!), sind Verallgemeinerungen einzelner Perspektiven stets unzureichend und fehlerhaft. Diese Erkenntnis, die von Physikern als die wichtigste Entdeckung auf dem Gebiet der Wissenschaft angesehen wird, erfordert eine äußerst subtile innere Vision. Es gibt nicht nur nichts, worauf man mit dem Finger zeigen könnte, um es als Ursache von diesem oder jenem zu begreifen. Zusätzliche dürfte, streng genommen, jede Singularität nur als relative Positionierung lokalisiert und beschrieben werden.

Mit anderen Worten: einzelne Dinge oder Wesenheiten existieren weder an sich noch für sich, sondern sind lediglich Erscheinungen, die durch eine separierende Beobachtungsweise hervorgehoben werden, während der Kontext, in dem sie existieren, in den Hintergrund gedrängt wird. 

Auch ein „Ich“, das sich als getrenntes, unteilbares Wesen („Individuum“) abgrenzt, stellt lediglich eine gedankliche Erfindung dar, bei der wesentliche Zusammenhänge  ausgeblendet werden. „Das könnte die tiefste Ursache der Angst sein -, dass man sich an etwas klammert, das nicht existiert.“ (Jiddu Krishnamurti)

Liebe Grüße

Delloc

 

 

Bild des Benutzers Heinz

Den Immanuel Kant brauche ich hier nicht zu zitieren, den kennen alle. Mit Venunft begabt ist jeder Einzelne im Rahmen seiner eigenen Kompetenz und seines Lebensumfeldes.

Die Ursache für fortbestehende Verhältnisse finden sich bereits hier im Artikel. Wenn ich die Terminologie des 19. Jahrhunderts auf die heutige Gesellschaft anwende, bleibe ich dieser Denke verhaftet. Unsere Gesellschaft besteht inzwischen wohl aus sehr vielen verschiedenen sozialen Gruppen. Allen gemeinsam ist, daß sie Bürger und Bürgerinnen dieses verfaßten Staates sind. Das bedeutet, wir haben keine Klassen- oder Stände-Gesellschaft mehr. Die Klassen oder Stände sind am 9. November 1918 abgeschafft worden. Selbst Orden waren mit dem Artikel 109 WRV für Deutsch verboten. Das hatte sich zwar geändert, als Adolf Hitler sich bei Paul von Hindenburg um das Kanzleramt bewarb, versprach er: "Bei mir gibt es Orden satt!", und schon hatte er den Job. Als Anfang der 1950er Jahre die Bundeswehr wieder geplant wurde, durften Orden natürlich nicht fehlen - wozu braucht man die sonst? Verwest werden die Orden vom Muckefuckkaiser.

Wenn ich für heutige demokratische Defizite dieses Staates die Ursachen und den Ausgang suche, verwende ich keine historischen Begrifflichkeiten. Dem Bürgertum gehören alle Menschen eines Staates an; eine Gruppe, die erklärtermaßen allen anderen Gruppen den Krieg erklärt hat, sind wenige sehr reiche, global agierende Leute.

Warren Buffet: Klassenkrieg

Warren Buffet: : "Es herrscht Klassenkrieg ...", verwendet zwar den Begriff Klasse,
offenbart sich damit aber als ewig Gestriger in seiner Denke.

Bildquelle: http://2.bp.blogspot.com/

Der Klassenkampf zwischen Arbeitern, Bürgerlichen und Adel ist darum schon längst beendet, heute findet der Krieg zwischen Reich und Arm statt und zwischen sehr reichen Kapitalisten und Staaten. Für Deutschland gilt etwa:

  • 50% haben nichts mehr zu verlieren
  • 40% werden abgezockt, der so genannte Mittelstand
  • 10% zocken ab

Einen Ausgang aus diesen Verhältnissen finden wir nur, wenn der Staat auf seine eigentliche, soziale Aufgabe konzentriert wird. Die Bürger und Bürgerinnen als Eigentümer des Staates treuhänderisch vertreten. Dafür ist Transparenz der politischen Vorgänge notwendig, damit die Bürger und Bürgerinnen ihr Eigentum, den Staat, kontrollieren können.

Wir brauchen darum eine wirkliche und wirksame demokratische Kultur,
damit die Menschen FREI GLEICH und SOZIAL sein können.

Bild des Benutzers Delloc

 

{50% haben nichts mehr zu verlieren

40% werden abgezockt, der so genannte Mittelstand

10% zocken ab}

Aus einer unbestimmten Perspektive, lieber Heinz, lässt sich alles simplifizieren... wink

Der Klassenbegriff ist keine oberflächliche Erscheinungsform, sondern definiert verschiedene ökonomische Funktionen im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Diese Funktionen können unter den Eigenschaften Entfremdung, Ausbeutung, Unterdrückung, Abhängigkeit, Verarmung, Verwahrlosung und Machtlosigkeit beschrieben werden. An diesen Funktionen hat sich bis heute nichts geändert. Warum also den analytisch bewährten Klassenbegriff entsorgen?

Eine "eigentliche soziale Aufgabe" des Staates - wie du formulierst - habe ich bisher nicht wahrnehmen können. Das "eigentlich" würde nämlich voraussetzen, dass die sozialen Aufgaben erste Priorität hätten. Diese Priorität ist aber mit einem konkurrenzkapitalistischen Wirtschaftssystem nicht vereinbar. Um das zu beurteilen, wären jedoch profunde Kenntnisse der Gesetze der Kapitalakkumulation und ihrer Umsetzung durch die Finanzmafia notwendig.

Eine "demokratische Kultur, damit die Menschen FREI GLEICH und SOZIAL sein können" im Kapitalismus ist so realistisch wie ein Lagerfeuer am Meeresgrund.

Bild des Benutzers Heinz

Dein Artikel benennt Ursachen für die heutige Situation, das ist gut und richtig. Mit meinem Kommentar Ursache und Ausweg deute ich auf eine mögliche Veränderung, die in den nächsten Jahren durchaus real werden kann. Welche Richtung diese Veränderung nimmt, weiß heute niemand. Auch Immanuel Wallerstein läßt dies offen, hofft aber auf eine Verbesserung. In diesem Sinne war mein Schlußsatz gemeint.

Auch die von dir bemängelten simplifizierten Zahlen haben natürlich einen realen Hintergrund, denn sie waren in D schon mal besser; die Zahlen drücken also eine dramatische Verschlechterung und Verarmung weiter Teile der Bevölkerung in D aus. Der so genannte Mittelstand fungiert hier als Nützlicher Idiot - nach oben buckeln, nach unten treten - und merkt nicht, wo die eigentlichen Fronten diese Krieges verlaufen. Das ist kein Krieg mehr gegen die Habenichtse der Unterschicht (du würdest Unterklasse schreiben), sondern ein Krieg gegen die Habenden, die Besitzstände der Mittelklasse, denn nur von denen können die Spießgesellen eines Warren Buffet noch etwas abzocken. Für die Unterschicht bleibt Tittytainment, mehr nicht - Brot und Spiele.

Ob wir die einzelnen gesellschaftlichen Mengen nun Gruppen oder Klassen nennen, macht mathematisch keinerlei Unterschied; nur wird mit der Bezeichnung Klasse etwas verbunden, das heute nicht mehr in gleicher Weise so ist, wie noch vor 100 Jahren, zumindest in der bundesdeutschen bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr.

Auch, wenn die Ursachen der heutigen politischen Situation in der Vergangenheit zu suchen sind, bleibe ich eher der Zukunft verpflichtet und suche darum nach Auswegen aus diesem Dilemma.